Indonesisches Schattenspiel = Wayang Kulit

(Wayang = Schatten, Theater mit Figuren oder Menschen, Kulit = Haut, Leder)

Arjuna und seine Frauen, Werbung um Sumbadra, Beerfelden Juni 2010

Demo-Beispiel

http://www.youtube.com/watch?v=C0J7QAPda3Q


Ein drei bis sieben bis zwölf Meter langer Schirm, eine elektrische Lampe dicht hinter dem Schirm, zwei verschieden hohe, waagerechte Bananenstämme zum Einstecken der Figuren, ein Gamelan Orchester, ein einziger Spieler (Dalang) in Landestracht und Kris, links neben ihm eine Kiste mit Klappern und den benötigten Figuren, rechts und links je mehr als 100 Figuren aufgereiht nach einen Jahrhunderte alten Schema. Die Spielfiguren sind 30- 100 cm hohe Flachfiguren, aus Büfellleder fein ausgestanzt, miniaturhaft bemalt, mit nur ein-zwei beweglichen Armen: Wayang Kulit, indonesisches Schattenspiel.
So etwa könnte es in einer Lexikonbeschreibung stehen. Aber Wayang Kulit ist mehr. Es ist uralte Kultur, schon seit dem 11. Jahrhundert gibt es schriftliche Aufzeichnungen, das Spiel mit Schatten muss aber viel älter sein. Vermutlich war es ein Heraufbeschwörer der Ahnen, die in den Schatten sichtbar wurden. Das Wayang Spiel hat mit seinen mythologischen aus dem Hinduismus stammenden Themen selbst die Einführung des Islam mit seinem Verbot der figürlichen Darstellung und der Einführung des Monotheismus überlebt. Es ist Kultur, es ist das Symbol für ein wichtiges Ereignis, es ist Moral und Lebensweisheit. Und es ist Humor und Freude, wie es der Mentalität der javanischen Bevölkerung entspricht.
Normalerweise beginnt eine Vorstellung so gegen 21 Uhr, aber das muss nicht unbedingt sein, denn auch für den Beginn einer Wayang-Vorstellung (Wayang heißt Schatten, wird heute aber allgemein für Theater gebraucht) gilt die javanische Zeit, die „jam karet“ (Gummizeit). Meist endet die Vorstellung gegen 4-5 Uhr morgens.
Während dieser Zeit singt und spricht der Dalang alle Rollen selbst, wobei er sich bemüht, den Figuren jeweils eine eigene Stimme zu geben. Im Schneidersitz hinter dem Schirm bewegt er die Figuren dicht an der Leinwand, so dass sie scharf abgebildet werden. Durch leichtes Abheben erscheinen Teile oder der ganze Körper in einer mehr oder weniger starken Unschärfe und rufen so verblüffende dramatische und plastische Wirkungen hervor.
Als ich das erste Mal in Yogya Karta ein Schattenspiel sah, faszinierte mich diese Möglichkeit, mit zweidimensionalen Figuren räumliche Effekte zu erzielen. Ich befand mich auf einer Forschungsreise und als passionierter Marionettenspieler wollte ich auch das Wayang Golek, das Spiel mit dreidimensionalen Stabfiguren kennen lernen. Es ist in Westjava, vor allem Bandung, sehr beliebt, konnte mich aber als Theaterform und in seiner Darstellungsart nicht begeistern. Auf den Weg nach Mitteljava hatte ich die Möglichkeit Schatten- und Figurenspiel vergleichen. Das Spiel mit den Schatten hat mich derart begeistert, das ich beschloss, dies in Deutschland in eine Theaterform zu bringen, die frei von der Traditionsgebundenheit eines Javaners ist, das Themen unseres Kulturkreises berührt, sich aber bei aller dichterischen Freiheit an einen gewissen javanischen roten Faden hält (Wayang Purwa) und das möglichst künstlerisch hochwertige Figuren benutzt.
Dieser ersten, noch zoologisch orientierten Reise folgten vier weitere, die sich nur mit den Themen Schattentheater, Mythologie und Tanz beschäftigten. Alles dies fand ich in Solo, wo der Tourist ein Fremder ist und nicht das einheimische Leben wie in der Touristenhochburgen bestimmt. In Solo lernte ich Pak Sihhanto kennen, ein Meister der Herstellungskunst der Wayang-Kulit-Figuren. Von ihm und vielen Dalangs, die ich dort kennen lernte, von zahlreichen Aufführungen, die wir gemeinsam besuchten, und von vielen langen Gesprächen eröffnete sich mir ein Bild des Wayang Kulit und des Wayang Purwa, das nur ein in Java Praktizierender erfahren kann.
Pak Sihhanto ist verantwortlich für die Wayang KulitSammlung (und dies sind mehrere Sätze mit über 300 Figuren) des Kratons Hadiningrat in Solo. Ein ausgezeichneter Fachmann, der während einer siebenjährigen Lehrzeit nicht nur das Malen, Ausstanzen (eigentliche müsste man Auspunzen sagen) sondern auch das Holsschnitzen und Vergolden erlernte.
Die „Bühne“ (Debog) oder der Schirm (Kelir)
Ein rechteckiger Rahmen, meist kunstvoll beschnitzt, zwischen 4 und 12 m breit und ca 2 m hoch, mit einem weißen Tuch stramm bespannt ist die Welt des Geschehens. Die eigentliche Spielfläche richtet sich nach der seitlichen Reichweite des Dalang. Hinten über ihm hängt ein Beleuchtungskörper, eine kunstvoll gegossene Lampe in Form eines Garuda (Göttervogel) oder nur eine einfache Glühlampe. Vor dem Spieler zwei unterschiedlich hohe, waagrechte Bananenstämme zum Einstecken der Figuren. Hochgestellte Persönlichkeiten oder Götter stehen höher (und immer rechts) als rangniedrigere. Rechts und links der Spielfläche sind Hunderte von Wayangfiguren nach alter überlieferter Reihenfolge eng aufgesteckt, rechts die „Guten“ links die „Bösen“. Sie scheinen alle das Spielgeschehen zu betrachten. Die Kiste an der linken Seite des Dalang wurde schon erwähnt. An ihr hängen drei Messingplatten, die mit dem Fuß bedient werden und Kämpfe akustisch untermalen. Mit einem Klöpfel schlägt der Dalang am Anfang rhythmisch gegen die Kiste um die bösen Geister zu vertreiben. Klopfzeichen deuten auch den Beginn des Sprechens der einzelnen Personen oder Erzähl- bzw. Gesangseinlagen (Suluk) des Dalangs an.
Die Spielfiguren
Und nun zu den Figuren selbst. Es sind starre, perforierte Flachfiguren mit zwei beweglichen Armen. Für den Profi verwendet man nur Leder des Wasserbüffels, das gegerbt kaum durchsichtig ist. Dieses wird nach uralten Vorbildern so ausgestanzt, dass eine filigrane Durchbrochenheit entsteht, die eine solche Vollendung erreicht, dass es nicht mehr gesteigert werden kann. Mit feinen Meißeln wird die Perforation ausgearbeitet, wobei man sich vorstellen muss, dass eine kleine runde Öffnung allein vier Einstiche, kommaähnliche Muster, wie sie in den Locken von Haaren dicht aneinander gereiht sind, benötigen mehr als sechs Einstiche . Alle diese Figuren sind echte Kunstwerte. So haben Meister Sihhanto und seine Gesellen drei Monate mit je acht Stunden an meinem großen Gunungan gearbeitet.
Es bleibt aber nicht bei den Ausstanzen, denn danach beginnt ein weiterer künstlerisch noch schwieriger Teil: das beidseitige Ausmalen. Die Körper, Kleider, Waffen, Schmuckstücke und Konturen werden miniaturhaft bemalt. Mit einem 3-4 Haare-Pinsel werden feine Striche gezogen, die eine Farbe schattiert oder Umrisse deutlicher erscheinen lässt. Bei wertvollen oder für gut zahlende Interessenten bestellte Figuren wird die Grundfarbe, wenn sie „gold“ sein soll (z.B. Jugend) nicht mit Bronzefarben sondern mit Blattgold belegt. Solche Figuren strahlen auch nach Jahrzehnten noch einen weichen, starken Glanz aus, den die modernen Bronzefarben nie erreichen.
Man muss sich nun vorstellen, dass die Zuschauer, die vor dem Schirm sitzen, viel zu weit weg sind, um diese Feinheiten zu erkennen; auch kommen die Farben durch die Dichte des Leders kaum zur Geltung. Die hinter dem Schirm Sitzenden haben das große Gamelanorchester noch vor sich, sind also noch weiter weg. Warum diese Feinheit? Als ich diese Frage stellte, begegnete ich zunächst Unverständnis. Dann die einfache Antwort: Je schöner, je wertvoller und feiner die Arbeit, um so besser spielt der Dalang, um so mehr personifiziert er sich mit den Charakteren, die er vorstellt,. Nicht der Zuschauer ist gefragt, sondern der Interpret. Für mich eine tief greifende Erkenntnis, die mich auch heute noch beim Spiel begeistert. Ich, der Spieler, allein habe die Schönheit, die Feinheit und Farbenausdruckskraft als Anregung für mich und liebe, verachte, hasse und verehre das, was ich spiele und spreche.
Beim Herstellen müssen noch weitere Dinge beachtet werden. Das sind die Erkennungsmerkmale. Ich habe nach dem botanisch oder zoologischem System eine Bestimmungsbuch für die gebräuchlichsten 300 Wayangfiguren gemacht, nachdem auch der Laie jede mitgebrachte Figur nachbestimmen oder ein Museum seine Figuren kontrollieren kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Weibliche Figuren tragen oft einen Selendan, einen Schal, der ein- oder zweizipflig, um den Hals, über die vordere oder hintere Schulter, doppelt oder einfach getragen werden kann. Dazu kommt die Form des Kleides (nicht die Farbe), die Haartracht, die Form der fallenden Locken oder das Diadem oder der Haarschmuck. Aber auch Stimmungen und Charaktere können bei einer und der gleichen Figur durch Farben des Gesichtes oder des ganzen Körpers angezeigt werden. Diese sind seit Jahrhunderten unverändert, gleich ob in Yogya Karta oder Solo, den beiden wichtigsten Zentren für die mitteljavanische Wayang Kultur. Die Figuren aus Yogya sind sehr langarmig und noch unproportionierter als in Solo. Die Frauen mehr in untergeordnetere Haltung als die stolzen Frauenfiguren aus Solo. Diese Verzerrung der menschlichen Gestalt kam wahrscheinlich mit der Einführung des Islam, der die figürliche Darstellung von Menschen und vor allen Gott verbietet. Diese These wird durch die balinesischen Wayangfiguren unterstützt, denn diese sind viel „menschlicher“ (Hinduismus), aber an den typischen Merkmalen ebenso einzuordnen, wie die javanischen Figuren. Die auf dem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Reliefbilder im Tempel Sukuh weisen auch in diese Richtung.
Aber trotz aller Traditionsgebundenheit - wir werden noch öfters auf dieses Problem zurückkommen - wird experimentiert und das Vorhandene ergänzt. Hubschrauber, Krankenwagen, Motorräder, Fallschirme oder ähnliches werden in die lustigen oder überwiegend unterhaltsamen Szenen eingebaut. Ich habe mir von Pak Sihhanto ein Fahrrad für Petruk machen lassen, dass immer erheiternde Aufmerksamkeit genießt. Auch Versuche mit durchsichtigem Material und nur Bemalen der Konturen wurden in Yogya unternommen, aber man kommt immer wieder zum traditionellen Stil zurück. Obwohl es auch hier schon Schwierigkeiten gibt. Einmal das Wasserbüffellleder (Rind ist zu weich und wird gerne für Touristenstücke verwandt) und zweitens das Horn, denn die Figuren werden durch ein gespaltenes nach der Figur gebogenes Horn gehalten. Dieses Horn stammt ebenfalls vom Wasserbüffel und der wird selten, weil auch in Indonesien Maschinen Tiere ersetzen. So ist der Preis für diese handgespaltenen und zur Spitze immer dünner geschliffenen Stäbe ( ) mittlerweile um das dreifache gestiegen, so dass man für größere Figuren wie in ganz alter Zeit wieder Bambusstäbe benutzt.
Die Figuren werden in einer Kiste aufbewahrt (Abb.), wobei traditionsbewusste Dalang auch auf den einzelnen Tabletts eine althergebrachte Ordnung einhalten.
Das Spiel
Es wurde schon gesagt, dass das Wayang nur von einem Dalang gespielt und gesprochen wird. Bei großen Veranstaltungen wird er manchmal von einem Assistenten unterstützt. Vor der Aufführung sind umfangreiche Vorarbeiten nötig. Der Schirm richtet sich nach der Größe des Raumes. In Yogya erlebte ich einmal einen über zwölf Meter langen Rahmen. Ein großer Schirm hat eine unglaubliche Wirkung, denn die Schatten können je nach Haltung der Figur vor der Lampe am äußersten Rand groß und unscharf auftauchen oder verschwinden. Die benötigten Spielfiguren sind in der links von dem Dalang stehenden Kiste und werden tablettweise auf die rechte Seite gelegt. Sie müssen immer in Reichweite des Spielers sein, denn wenn zwei Figuren agieren, müssen beide Arme bewegt werden. Dies erfordert eine große Fingerfertigkeit. Zum Beispiel können Figuren etwas auf dem Kopf balancieren, oder bei Kämpfen - und diese sind artistische Attraktionen des Spiels - Pfeile, Lanzen oder Gegner selbst durch die Luft wirbeln, Helden mit eleganten Salti über den Gegner fliegen und ähnliches mehr.
Am Anfang steht der Gunungan, senkrecht in der Mitte, wedelt dann über den Schirm und wird seitlich eingesteckt. Diese von Deutschen immer wieder als „Pausenblatt“ bezeichnete Figur ist der Stolz jedes Dalang, manchmal werden drei oder mehr aufgesteckt. Ein Gunungan steckt voller Bedeutung und Weisheit. Ist er männlich, dann herrscht in dem fünfästigen Lebensbaum, der aus dem Dach des Himmelseinganges, bewacht von zwei Wächtern, herauswächst. absolute Symmetrie. Je gesünder der Lebensbaum um so mehr ist er mit Tieren und Blüten gefüllt. Da tummeln sich Affen, Pfauen, Papageien, Bienen, Schmetterlinge zwischen Blättern und Blüten. Häufige Figuren am Fuße des Lebensbaumes sind ein springender Tiger (der Angreifer und Bedroher Javas) und rechts ein Stier als Verteidiger.
Hat der Lebensbaum nur vier Zweige und sind alle Tiere und Blüten absolut asymmetrisch angeordnet, dann ist es ein weiblicher Gunungan. Symbolisiert ein Gunungan eine Pause, dann steckt er schräg im Bananenstamm. Beim Beginn einer neuen Szene wedelt er über den Schirm und wird dann rechts (männlicher Gunungan) oder links (weiblich) eingesteckt. Mit dem Gunungan kann der Dalang einen fliegenden Felsen, einen Berg, die Wellen eines Sees, ein Hindernis oder nur eine Verdeckung andeuten.
Die Spielsprache ist durchweg Java, eine in Mitteljava noch meist von der Bevölkerung gesprochene Sprache, auch wenn Bahasa indonesia die offizielle Amtssprache ist. Allerdings hatte ich in Kediri und in Semarang erlebt, dass die Panakawan (lustige Figuren) Bahasa indonesia sprachen und so die Leute mit ihren politischen und lokalkritischen witzigen oder kabarettistischen Bemerkungen in Stimmung brachten. Ende der 90-iger Jahre hatte in Jakarta ein Kongress der Dalang zu diesem Thema stattgefunden, aber man konnte sich nicht auf Bahasa indonesia als Spielsprache einigen.
Fast immer sind die Dalang Muslime, aber sie bringen vor dem Spiel ein Opfer wie in Bali dar. Dabei beten sie stumm mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen. Im Spiel stellen sie Götter und Äusserungen aus göttlichen Mündern vor und sind doch Angehörige einer recht festgelegten, monotheistischen Religion. Ein Phänomen, das man nirgends im Islam so frei finden kann, wie in Java.
Nun noch einiges über den Ablauf und die Zuschauer. So wohl bei den Gamelankonzerten, bei den Theateraufführung des Wayang orang (Menschentheater) oder bei Wayang Kulit herrscht nicht die stille und vielfach auch aufgezwungenen Andacht wie bei uns. Man kommt und geht, man macht ein Nickerchen wenn besonders lange philosophische Betrachtungen vorgetragen werden, man kauft sich ein paar Erdnüsse oder andere Leckereien, man klatsch begeisterten Beifall, wenn eine Kampfszene gut war oder wenn die Panakawan auftreten. Letzteres ist eine Besonderheit des indonesischen Theater. Auch wenn die Themen aus der indischen Mythologie (dem Mahabharata oder dem Ramayana /siehe Heft . . .), so haben viele Personen oder Götter eine andere Bedeutung oder Charakter. Dazu kommen die Gestalten der „Narren“ im Shakspearschen Sinne. Es sind dies zunächst die Panakawan: Semar und seine Söhne Gareng, Petruk und Bagong. Vor allem Semar wird in der ausländischen Literatur meist als Clown bezeichnet. Sicher er ist ein Spaßmacher von groteskem Aussehen, aber in meinen Augen und daher auch in meinen Stücken ein sehr kluger und weiser Mann, auf dessen Rat die hochgelobten Helden gerne hören. Des weiteren gibt es noch die äußerst beliebten Cangik und ihre dicke Tochter Limbuk, die oft über eine halbe Stunde ihren Schabernack mit dem Publikum, dem Vorsänger oder selbst den Persinden (Sängerinnen) machen.
Es fehlt aber auch nicht an Erneuerungen und witzigen Einfällen, die, ohne den traditionellen Ablauf zu stören, neue Impulse geben. So erlebte ich einmal bei einer Abiturfeier, zu der ein Schattenspiel aufgeführt wurde, eine Biologiestunde in englisch mit Semar als Lehrer. Dann allerdings kam es zu einen gewaltigen „Stilbruch“, denn plötzlich tauchte ein Schlagzeug, eine Tonbandgerät und eine Elektrogitarre auf. Die alten, oft recht verknöchert wirkenden Gamelanspieler wechselten ihre Gongs, Xylophone und Sarons und rockten los, das es eine wahre Pracht war. Dazu wurden Autolärm, Flugzeugstarts und ähnliches in Rappermanier eingeblendet. Die Dämonen, die gerade einen Prinzen verhauen wollten, fanden das so gut, dass sie anfingen zu rocken. Ein Riesenspaß für die jungen Leute und die Spieler, die dann wieder in den traditionellen Stil verfielen.
Es herrschen gebannte Aufmerksamkeit, lockere Bindung, begeistertes auch verbales Mitgehen und gähnende Langweile. Bei einer direkt Übertragung eines Gamelankonzertes im Kraton Hadiningrat in Solo löste sich während der Aufnahme ein Becken aus der Halterung. Der Spieler stand auf und mit einer klackenden Schuhsohle seines linkes Fußes schlürfte er nach draußen, um ein Seil zu suchen. Gleichzeitig brachte er sich ein Bier mit; die Tonaufnahmen liefen weiter.
Von dieser freien Aufmerksamkeit können wir Westler nur lernen. Bei uns nehmen sich die Künstler viel zu wichtig.
Und einen letzten Interessanten Versuch möchte ich noch schildern. In Solo fand ein Wettbewerb junger Dalangs (unter 25) statt. Die Besonderheit des Abends waren zwei Bühnen, die von einem Gamelan begleitet und etwa vier Meter auseinander aufgestellt waren. Wechselte die Szene, übernahm der linke bzw. der rechte Spieler die Fortsetzung. Die Zuschauer mussten wie beim Tennis hin und her schauen. Höhepunkte waren dann immer zweifelsohne die Zuwürfe der Figuren bei weiterführenden Szenen über die Zwischenräume der beiden Schirme. Wahre artistische Meisterleistungen der Fangkunst.
Trotz Fernsehen, das wenn vorhanden meist ohne geschenkte Aufmerksamkeit den ganzen Tag läuft, bleiben das Schattenspiel und das Wayang orang immer noch beliebteste Unterhaltung bei bestimmten Anlassen. Wer es sich irgendwie leisten kann, der bestellt sich zur Geburt, zur Beschneidung, bestandenen Prüfungen, Hochzeiten, Beerdigungen usw, ein Schattenspiel mit bestimmten Themen.
Eine Kunst, die auch bei vordringendem fundamentalistischem Islam wohl die Oberhand behalten wird. Inshallah!